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Anett C. Oelschlägel 2013: Plurale Weltinterpretationen. Das Beispiel der Tyva Südsibiriens. Fürstenberg/Havel: SEC Publications/Kulturstiftung Sibirien gGmbH.

 

Peer-reviewed, 307 Textseiten, Zusammenfassungen in Englisch und Russisch (jeweils 13 Seiten), drei Karten, 104 Farbfotografien.

 

Die Zusammenfassung ist nicht in der hier abgedruckten Form in oben genanntem Buch enthalten. Deshalb zitieren Sie bitte die Web-Seite:

http://plural-world-interpretations.org/home/PluraleWeltinterpretationen.html

 

Zusammenfassung

„Plurale Weltinterpretationen. Das Beispiel der Tyva in Südsibirien“

 

Abstract:

 

Plurale Weltinterpretationen praktizieren wir täglich, meist ohne uns darüber bewusst zu sein. Zustande kommen sie durch die gleichzeitige und gleichwertige Existenz verschiedener Modelle der Weltinterpretation. Sie sind Produkte menschlicher Schöpferkraft und stehen als parallele Realitäten einander ergänzend und einander widersprechend nebeneinander. Das Buch führt am Beispiel der Tyva Südsibiriens in zwei Modelle der Weltinterpretation und in die Praxis des Umgangs mit ihnen ein. Es zeigt, wie einzelne lokale Akteure zwei von mehreren Modellen flexibel zum Einsatz bringen, um Situationen zu deuten und in ihnen zu handeln. Es wird deutlich, welchen Regeln die Tyva dabei folgen, welche Gründe sie leiten und welche Folgen sie zu tragen haben. Das Ergebnis ist ein Bild zeitgenössischer Kultur, das der gegenwärtig gegebenen Flexibilität und Pluralität des menschlichen Deutens, Handelns und Verhaltens gerecht wird.

 

Einleitung

 

Der Titel Plurale Weltinterpretationen steht für die aktuelle und weltweit beobachtbare Pluralität an Modellen der Weltinterpretation und die menschliche Fähigkeit, flexibel mit diesen umzugehen. Am Beispiel der Tyva Südsibiriens stellt vorliegende Studie zudem eine Ergänzung zu geisteswissenschaftlichen Arbeiten dar, die Kulturen in den Kategorien „Tradition“ und „Moderne“ beschreiben. Anstatt einer strengen Unterscheidung zwischen traditionellen und modernen Kulturen oder Kulturelementen, steht im Zentrum vorliegender Arbeit die Beschreibung ihres Miteinanders. Darüber hinaus soll der Begriff „Plurale Weltinterpretationen“ helfen, die für diese Aufgabe notwendige erweiterte Perspektive einzunehmen, die Tradition und Moderne gleichberechtigt nebeneinander zeigt.

 

Der Begriff „Tradition“ wird im tyvanischen Verständnis im Sinne des „konventionellen Traditionsbegriffes“ bei Handler und Linnekin (1984: 286) als ungebrochene Kontinuität kultureller Essenzen gebraucht: „The prevailing conception of tradition, both in common sense and in social theory, has envisioned an isolable body or core of unchanging traits handed down from the past.“ Das bedeutet, Tradition sei der Kern einer Kultur, der unverändert und kontinuierlich von der Vergangenheit in die Zukunft weitergegeben wurde. In Bezug auf diese naturalistische Sicht der Tradition geben beide Autoren zu bedenken (ebd.): „tradition is a symbolic process [and] an assigned meaning.“ („Tradition ist ein symbolischer Prozess und eine zugewiesene Bedeutung.“) Dieses Verständnis des Begriffs basiert auf der Einsicht, dass die Vergangenheit stets in der Gegenwart konstruiert sei (ebd.). In diesem Sinne legen auch meine eigenen Beobachtungen in Tyva nahe, „Tradition als Erfindung“ zu verstehen (u.a. nach Hobsbawm und Ranger 1992). So wird klar, wie sich das, was wir gemeinhin als „Tradition“ bezeichnen, permanent wandelt und wie schwer es deshalb ist, historische Kulturelemente von jüngeren zu unterscheiden. Die Verwendung der Konzepte „Tradition“ und „Moderne“ nicht nur in der russländischen Alltags- und teilweise auch Wissenschaftssprache übergeht häufig die Tatsache, dass sich sowohl „traditionelle“ als auch „moderne“ Kulturelemente stets weiterentwickeln und äußeren Einflüssen ausgesetzt sind. Die anhaltenden Diskussionen über die Begriffe „Tradition“ und „Moderne“ sind Gründe, weshalb ich diese Begriffe in vorliegender Arbeit nicht verwende und stattdessen eigene Begriffe bilde, die wissenschaftlich und alltagsprachlich nicht vorbelastet sind und die ich allein aus den Strukturen der hier vorgestellten Modelle der Weltinterpretation herleite.

 

Der in den Wissenschaftsdiskurs neu einzuführende Begriff „Plurale Weltinterpretationen“ ermöglicht eine Darstellungsweise zeitgenössischer Kultur, die am Beispiel einzelner Akteure mehrere parallele Modelle der Weltinterpretation erfasst, die sowohl gleichzeitig und gleichwertig als auch einander widersprechend nebeneinander stehen. Es wird dargestellt, wie Menschen mit dem Angebot verschiedener Modelle der Weltinterpretationen umgehen und diese flexibel zum Einsatz bringen, um auf Ereignisse zu reagieren bzw. in Situationen zu agieren. In diesem Sinne untersuche ich die aktuelle Pluralität an Modellen der Weltinterpretation als auch die menschliche Fähigkeit, diese im Alltag flexibel zum Einsatz zu bringen.

 

Nach einer ausführlichen Einführung in das Konzept Plurale Weltinterpretationen werden am Beispiel der animistisch-schamanistischen Tyva Südsibiriens zwei Modelle der Weltinterpretation erfasst und beschrieben. Unter den Bezeichnungen Dominanz- und Interaktionsmodell wird nach stabilen strukturellen Merkmalen gesucht und die Veränderlichkeit der jeweiligen Inhalte beleuchtet. Das spezifisch tyvanische Dominanzmodell orientiert sich an der modernen Auffassung einer „menschlichen Dominierung der Umwelt, bestehend aus eher passiven Objekten menschlichen Wirkens.“ Ihm gegenüber steht im tyvanischen Alltag das spezifisch tyvanische Interaktionsmodell. Es geht aus von „Interaktionen in einer den Mensch ein- und umschließenden Welt, bestehend aus menschlichen und nichtmenschlichen Subjekten.“

Da mehrere Modelle der Weltinterpretation gleichermaßen zum Wissens-, Verhaltens- und Handlungsrepertoire einzelner lokaler Akteure gehören, verwendet die Arbeit viel Raum auf die Darstellung des flexiblen Umgangs mit ihnen. An zahlreichen Beispielen wird nachvollzogen, wie einzelne Tyva beim Deuten von Erlebnissen oder beim Handeln und Verhalten in Situationen, sinnvoll zwei Modelle der Weltinterpretation nach Kontext und Bedarf zum Einsatz bringen, indem sie das eine durch das andere ersetzen oder beide mischen bzw. ergänzen. Dabei wird analysiert, welchen Regeln der flexible Einsatz der Modelle folgt. Gründe und Konsequenzen eines Wechsels der Deutungsmodelle kommen ebenso zur Sprache, wie die Unterscheidung zwischen spontanem und strategischem Wechsel der Laien bzw. professionellem Wechsel tyvanischer Schamanen.

 

Theoretische Grundlagen

 

Der dieser Studie vorangestellte Begriff „Plurale Weltinterpretationen“ basiert auf phänomenologisch-konstruktivistischen Einsichten, die den Menschen als Schöpfer vielfältiger Wirklichkeiten verstehen, die zu gleicher Zeit sein Deuten und sein auf diesen Deutungen beruhendes Handeln und Verhalten bestimmen. Folgende Definition soll uns den Gebrauch des Begriffs in vorliegender Arbeit verdeutlichen: Plurale Weltinterpretationen bezeichnen menschliches Deuten und auf diesen Deutungen basierendes Handeln und Verhalten. Sie beruhen auf dem flexiblen Einsatz verschiedener gleichzeitiger und gleichwertiger Modelle der Weltinterpretation. Als in sich stimmige Systeme von Inhalt und Struktur gehören die Modelle der Weltinterpretation sowohl einander ergänzend als auch einander widersprechend zum Wissens-, Verhaltens- und Handlungsrepertoire eines Menschen.

 

Menschen schöpfen in ihrem momentanen Deuten von Situationen und Ereignissen sowie in ihren Handlungs- und Verhaltensentscheidungen aus einer Vielzahl von Modellen, die in dieser Arbeit als Modelle der Weltinterpretation bezeichnet werden. Die Verwendung des Begriffs „Modell“ verweist darauf, dass Akteure für ihr Interpretieren von Situationen und Ereignissen auf eine Vielzahl von „ensembles“ an Vorbildern oder Mustern zurückgreifen, die als in sich stimmige Systeme von Inhalt und Struktur verstanden werden müssen. Sowohl die Vielzahl und Vielfältigkeit der Modelle als auch die Flexibilität des menschlichen Umgangs mit ihnen, sind Belege für ihren Modellcharakter. Als Modelle sind sie weder natürliche Gegebenheiten noch biologische Merkmale des Menschen, sondern Produkte menschlicher Schöpferkraft. Sie werden in dieser Arbeit im Sinne gesellschaftlicher Konstruktionen und damit als Produkte der Gesellschaft verstanden (Berger und Luckmann 2012 [1966]).

 

Die verwendeten Begriffe Interpretation und Deutung sind nicht mit dem Begriff Wahrnehmung gleichzusetzen. Die Begriffe Interpretation und Deutung meinen das menschliche Verhalten, das auf die Vorgänge der menschlichen Wahrnehmung folgt. Das in einer Situation über die menschlichen Sinne Wahrgenommene kann anschließend auf vielfältige Weise interpretiert oder gedeutet werden. Dabei folgen die Tyva jenen Vorbildern oder Mustern, die ihnen durch ihre Kultur vorgegeben sind und die hier als Interpretationsmodelle bezeichnet werden. Das anschließende Verhalten und Handeln richtet der Akteur wiederum an den vorgenommenen modellhaften Deutungen aus.

 

Der Begriff „Welt“ (Englisch: „World“) – als Bestandteil der Begriffe „Plurale Weltinterpretationen“ und „Modelle der Weltinterpretation“ – basiert auf dem konstruktivistischen Begriff der „Lebenswelt“ (Englisch: „lifeworld“), der zurückgeht auf die Phänomenologie Edmund Husserls (1954). Durch Alfred Schütz (Schütz 1945: 533, Schütz und Luckmann [1975] 2003) wurde er als „ausgezeichnete Wirklichkeit“ (Englisch: „paramount reality“) in die soziologische Analyse eingeführt. Später wurde der Begriff von Peter L. Berger und Thomas Luckmann (Berger und Luckmann [1966] 2012: 21-31) als „Alltagswelt“ (Englisch: “world of daily life”) oder „Alltagswirklichkeit“ (Englisch: „social everyday reality“) weiterentwickelt.

Beide in dieser Arbeit vorgestellten Modelle der Weltinterpretation, das Dominanz- und das Interaktionsmodell, müssen der „Alltagswirklichkeit“ zugeordnet werden. Sie sind Teil der und konstitutiv für die gesellschaftlich konstruierte „Wirklichkeit der Alltagswelt“ (ebd. 21-29).

 

Das Dominanz- und das Interaktionsmodell kann man als „Speicher von Wissensvorräten“ (ebd. 43) verstehen. Sie bestehen aus „Rezeptwissen“ (ebd. 44) und dienen „zur Lösung von Routineproblemen“ (ebd. 44). Als Bestandteile der spezifisch tyvanischen Alltagswirklichkeit können sie als den Tyva allgemein (intersubjektiv) bezeichnet werden.

 

In vorliegender Studie wurden zwei von mehreren Modellen der Weltinterpretation untersucht. Unsere Mitmenschen der Industriegesellschaften orientieren sich meist an einem Modell der Weltinterpretation, das ich im Folgenden als „Dominanzmodell“ bezeichnen werde. Der Begriff steht für ein Modell der Weltinterpretation, das von einer „menschlichen Dominierung der Umwelt, bestehend aus eher passiven Objekten menschlichen Wirkens“ ausgeht. Das Model ist charakterisiert durch folgende Merkmale: (1) Es trennt den Menschen von seiner Umwelt und stellt ihm diese gegenüber. (2) Es unterscheidet zwischen aktivem Handlungssubjekt (Mensch) und den eher passiven Objekten des menschlichen Handelns (Bestandteile der Umwelt). Die Handlung vollzieht sich immer vom Subjekt, dem Menschen, zu mindestens einem Objekt, das zur Umwelt des Menschen gehört. (3) Es stellt dem aktiven Menschen eine passive Umwelt gegenüber, die Naturgesetzen folgt, deshalb vom Menschen verstanden werden kann und beherrschbar sowie beeinflussbar ist. (4) Interaktionen sind nur zwischen bewussten Subjekten (Menschen) möglich. Grenzfälle sind die Instinkte der Tiere. Sie geben dem modernen Menschen das Gefühl einer Interaktion zwischen Mensch und Tier. Dennoch sind die Instinkte der Tiere nicht vergleichbar mit dem Verstand und der Vernunft des Menschen. (5) Bewusstheit, Willen, Verstand und Vernunft als Eigenschaften des Menschen werden den Bestandteilen der nichtmenschlichen Umwelt nicht zugeschrieben. Der Mensch allein hat die Fähigkeit, sinnvoll an seiner Umwelt zu arbeiten, wenn seinen Bemühungen auch durch Naturgesetze Grenzen gesetzt sind. (6) Gestaltet der Mensch sein Leben, dann gestaltet er seine Umwelt mit. Nur Irrtümer und falsches Verständnis von natürlichen Zusammenhängen sind in der Lage, den Menschen in diesem Bestreben zurückzuwerfen.

 

Nicht genau entgegengesetzt, aber in jedem Fall anders geartet als die Interpretationen nach dem Dominanzmodell, sieht das Interaktionsmodell das menschliche Sein in der Welt. Der Begriff bezeichnet ein Modell, das ausgeht von „Interaktionen in einer den Menschen ein- und umschließenden Welt, bestehend aus menschlichen und nichtmenschlichen Subjekten.“ In seiner spezifisch tyvanischen Ausprägung hat es folgende Merkmale: (1) Der Mensch ist integraler Bestandteil der Welt. (2) Neben den Menschen gibt es eine Vielzahl nichtmenschlicher Subjekte. (3) Zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Partnern bzw. Akteuren finden Interaktionen statt. Der Begriff „Interaktionen zwischen Subjekten“ ist nicht allein auf Menschen begrenzt. (4) Neben den Menschen werden alle Bestandteile der Welt als aktive Subjekte betrachtet. (4.1) Dazu gehören Geister und Götter; Tiere und Pflanzen; aber auch Gegenstände des täglichen Gebrauchs, wie Werkzeuge und Maschinen sowie natürliche Energien und Kräfte; Erde, Himmel, Sterne, Sonne und Mond; Bestandteile der Landschaft, wie Wasser, Quellen, Flüsse und Seen, Gebirge, Berge und Täler, Wälder, Bäume und Lichtungen und viele mehr. Alle genannten Bestandteile der Welt beeinflussen zu jeder Zeit das menschliche Leben. (5) Nicht allen nichtmenschlichen Subjekten wird ein Bewusstsein, ähnlich dem menschlichen Bewusstsein zu geschrieben. (5.1) Geister und Götter aber sind ohne Intelligenz, Verstand und Vernunft und ohne bewusstes Handeln undenkbar. (5.2) Die Subjekte des Interaktionsmodells unterliegen einer Hierarchie, der die Geister und Götter an höchster und die Menschen an zweiter Stelle stehen. Parallel stehen die Energien und Kräfte, die ohne Bewusstsein und Wille Einfluss auf alle Komponenten der Welt haben. Wild- und Haustiere, Pflanzen, Bestandteile der Landschaft, Werkzeuge und Gegenstände des täglichen Gebrauchs sind den Menschen und Geistern, Energien und Kräften untergeordnet. (5.3) Diese Hierarchie ist jedoch nicht absolut gültig. Abhängig von der Situation, in der eine Interaktion stattfindet, können die verschiedenen Subjekte einander überlegen, gleich oder unterlegen sein. Zum Beispiel kann sich ein Baum vom Menschen nicht fällen oder ein Wildtier von Menschen nicht erjagen lassen wollen und setzt ihm deshalb Hindernisse in den Weg.

 

Die Herausarbeitung der hier eingeführten Strukturen des Dominanzmodells und des Interaktionsmodells geschah über eine Trennung von Struktur und Inhalt. Inhalt ist, was Schütz und Luckmann (2003: 657) als „intersubjektive symbolische Bedeutungen“ bezeichnen, die sich sowohl von Kultur zu Kultur als auch historisch gesehen spezifisch zeigen. Wie Schütz und Luckmann (ebd.) formulierten, führten sie „zu einer außerordentlichen Vielfalt gesellschaftlich-geschichtlicher Formen“. Während sich die Inhalte eines spezifischen Interpretationsmodells in einem permanenten Prozess der Veränderung und Entwicklung befinden, erscheinen die Strukturen beider Interpretationsmodelle dagegen tendenziell global und überzeitlich stabil.

 

Das Konzept der Pluralen Weltinterpretationen

 

Vorangegangene Kapitel hatten das Ziel in die Theorie und Praxis pluraler Weltinterpretationen am Beispiel der Tyva in Südsibrien einzuführen. Im Fokus vorliegender Arbeit standen zwei in Tyva weit verbreitete Modelle der Weltinterpretation und ihr flexibler Einsatz durch Einzelpersonen und Personengruppen. Das sind zum einen das spezifisch tyvanische Dominanzmodell, das von den Tyva gern als russisch beeinflusstes modernes Weltbild wahrgenommen wird, und zum anderen das spezifisch tyvanische Interaktionsmodell, das die Tyva als ihr traditionelles animistisch-schmanistisch geprägtes Weltbild identifizieren. Neben einem weiteren Modell, einem spezifisch tyvanischen, lamaistischen Weltbild tibetischer Prägung, sind die genannten Modelle Teil der tyvanischen Alltagswirklichkeit, die sie gleichzeitig gemeinsam konstituieren. Sie sind – obwohl einander widersprechend – parallele Bestandteile der geistigen Kultur aller meiner Gesprächspartner und können von ein und demselben Tyva als Deutungsmöglichkeiten und als Leitlinien für richtiges Handeln und Verhalten zur Anwendung gebracht werden.

 

1.Die zwei Modelle der Weltinterpretation, das Interaktionsmodell und das Dominanzmodell, sind beide nebeneinander unter den Tyva mit spezifisch tyvanischen Inhalten nachweisbar.

 

2.Die extremen Ausprägungen beider Modelle widersprechen einander so grundlegend, dass die Interpretation eines Sachverhalts aus Sicht des einen fiktiv, unstimmig und unvereinbar erscheint, wenn man sie am anderen misst und umgekehrt.

 

3.Beide Interpretationsmodelle der Welt erscheinen in den Selbstbekenntnissen der Tyva häufig in narrativ idealisierter Reinform. Viele Tyva bekennen sich gern ausschließlich zu einem der beiden Modelle der Weltinterpretation.

 

4.Die Gesprächspartner konnten beide Arten der Weltinterpretation unterscheiden und wussten ihre Aussagen den emischen Begriffen „Moderne“ oder „Tradition“ zuzuordnen.

 

5.Ihrer Struktur nach scheinen beide Modelle der Weltinterpretation stabil zu sein. Sie können sich jedoch rasant in ihren konkreten Inhalten verändern. Verantwortlich hierfür sind Medien, Schul- und Berufsausbildung, Wissenschaft, Reisen, Tourismus aber auch Esoterik und New Age.

 

6.Es lässt sich keines der beiden Interpretationsmodelle „den Tyva“ ausschließlich zuordnen: viele Tyva sind in beiden zu Hause ebenso wie im Raum der Transdifferenz (Englisch: transdifference) dazwischen.

 

7.Das beobachtete Handeln und Verhalten vieler Tyva und die Gespräche untereinander erlaubten Rückschlüsse auf Deutungen und Interpretationen, die beide Interpretationsmodelle in Ergänzung oder Vermischung zeigten. Dabei pendelten die Tyva je nach Bedarf von einem Extrem zum anderen oder sie wechselten ihre Position im Kontinuum des Transdifferenzbereichs dazwischen.

 

8.Die augenblickliche Weltinterpretation eines Tyva ergibt sich aus der Position im transdifferenten Raum, d.h. aus der Position, die ein Tyva in einem bestimmten Moment, in einer bestimmten Situation und in einem bestimmten Kontext im Kontinuum einnimmt und der er momentan zu folgen gewillt ist.

 

9.Damit sind die Weltinterpretationen vieler Tyva nicht nur inhaltlich einem ständigen Veränderungsprozess unterworfen, sondern auch strukturell nicht eindeutig oder eindimensional und statisch, sondern eher flexibel, situational und plural.

 

Ethnographie des spezifisch tyvanischen Interaktionsmodells

 

Um die vielfältigen Interaktionen zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Subjekten darzustellen, nutzte ich Beispiele aus der tyvanischen Volksreligion, die dieser Arbeit in Form von Ereignis- und Erlebnisberichten, Interviews, Aufzeichnungen von Ritualtexten sowie zeitgenössischen Folkloretexten zu Grunde liegen. Zusammengefasst ergeben sich folgende charakteristische Merkmale:

 

1.Die Tyva sehen sich nicht als die einzigen intelligenten Wesen und wirksamen Mächte in der Welt. Sie sind in einem Netzwerk (Englisch: „network“) mit nichtmenschlichen Subjekten verbunden, mit denen sie stetig bewusst oder unbewusst interagieren. Vom Erfolg dieser Interaktionen hängt auch das menschliche Wohlergehen ab. Deshalb wird der Einhaltung der Regeln und Normen des Interaktionsmodells und der bewussten achtsamen Interaktion mit den nichtmenschlichen Subjekten große Bedeutung beigemessen.

 

2.Nach der Häufigkeit der Erwähnung und der Interaktionen mit ihnen, sind die Herrengeister die wichtigsten nichtmenschlichen Interaktionspartner des Menschen. Sie schützen als eigentliche Eigentümer alles Existierende, setzen Regeln und Normen im Umgang damit, überwachen deren Befolgung und strafen deren Zuwiderhandlung.

 

3.Alle menschlichen Aktivitäten können als Interaktionen zwischen Menschen und Herrengeistern gedeutet werden. Im Positiven gehören dazu: Die Berücksichtigung der Herrschaft der Herrengeister über alles Existierende; die Befolgung der Vorgaben dieser Geister und der durch sie gesetzten Regeln und Normen; Dank-, Bitt- und Versöhnungsrituale; die verschiedenen Bereiche der geistigen Kultur sowie die Umsetzung der durch Herrengeister verliehenen Talente und Begabungen. Im negativen Sinne ist auch jede Zuwiderhandlung gegen die Normen und Regeln des Interaktionsmodells als Interaktion zwischen Menschen und Herrengeistern zu verstehen.

 

4.Das Deuten, Verhalten und Handeln vieler Tyva nach dem Interaktionsmodell wird in gegenwärtiger Zeit vor allem durch die Erzähltradition wachgehalten. Zu einer der wichtigsten Gattungen gehören die sogenannten Wahren Begebenheiten (Tyvan bolgan tavarylgalar, Erlebnis- und Ereignisberichte bzw. zeitgenössische Sagen). Typische Inhalte dieser sind Verstöße des Menschen gegen die von Geistern eingeforderte achtsame Interaktion zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Subjekten und nachfolgende Strafen (Unglück, Krankheit, Tod). Beliebt sind auch Ereignisberichte, die von wundersamen Belohnungen derjenigen Personen erzählen, die sich durch einen besonders korrekten Umgang mit den Normen und Regeln des Interaktionsmodells auszeichnen.

 

5.Normbrüche werden den Menschen meist dann bewusst, wenn in ihrem Leben ein Unglück geschieht. Die Korrektur der Folgen solcher Normbrüche erfolgt in mehreren Schritten: nachträgliche Deutung eines Unglücks nach dem Interaktionsmodell; Bitte an einen Schamanen, die Situation zu durchdenken, herauszufinden welche Geister auf welche Weise in die Situation involviert sind und Anleitungen für eine Lösung des Problems zu geben; Versöhnungs- und Bittrituale für die beteiligten Geister durchzuführen (eventuell unter Leitung eines Schamanen); Gelöbnis einer Verhaltensänderung hin zu achtsamer Interaktion.

 

6.Im Zusammenhang mit den Herrengeistern werden auch die Begabungen der Menschen gesehen. Begabungen sind keine besonderen, angeborenen Eigenschaften und werden nicht als Auszeichnung der Begabten verstanden. Begabungen sind – im Sinne der Tyva – Pflichten. Die Herrengeister der verschiedenen Talente wählen und verpflichten einzelne Menschen, einem Talent zu dienen, indem sie es in der Menschenwelt ausüben. Eine Person, die von dem Herrengeist eines Talents erwählt wurde, dieses Talent in der Menschenwelt zu vertreten, ist bei Androhung von Strafen dazu verpflichtet, nicht mit seiner Begabung zu geizen, sie nicht zu missbrauchen, sich keine unlauteren Vorteile durch sie zu verschaffen und hinsichtlich der Umsetzung des Talents das Maximum seiner Fähigkeiten einzusetzen.

 

7.Das Interaktionsmodell soll Harmonie, Ausgleich und Stabilität im Feld der gegenseitigen Abhängigkeiten zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Subjekten sichern. Gefährdet ein Tyva die ausgeglichene Interaktion zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Subjekten, dann begibt er sich in Gefahr, von den Geistern bestraft zu werden. Folgen sind von Herrengeistern verursachte Unglücksfälle. Auch Geister können die Stabilität achtsamer Interaktion gefährden. Z.B. Übergriffe der als verspielt oder bösartig geltenden Schadensgeister schaffen immer wieder Gefahren für einzelne Menschen.

 

8.Der Mensch sieht sich permanent in Abhängigkeit vom Wohlwollen der verschiedenen Geistwesen. Aber auch die Existenz und das Wohlergehen der Geister wird in Abhängigkeit vom Verhalten und vom Handeln der Menschen gesehen. Auf der einen Seite ist der Mensch abhängig von dem, was ihm die Herrengeister zur Verfügung stellen. Auf der anderen Seite hat die falsche Behandlung oder Zerstörung des zur Verfügung Gestellten negative Folgen für die Herrengeister. Wenn Menschen das Eigentum eines Herrengeistes zerstören, dann zerstören sie auch den Herrengeist selbst; falscher Umgang mit dem Eigentum eines Herrengeistes, nimmt letzterem die Kraft; die Nichtausübung eines Talentes und das Vergessen des Wissens über seine Umsetzung, lässt mit seinem Verschwinden auch seinen Herrengeist verschwinden.

 

9.So finden auch die von den Geistern begabten Schamanen ihre Funktion im Interaktionsmodell. Sie sind Vermittler zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Subjekten. Sie klären mit Hilfe ihrer Partnergeister Situationen auf, die die Interaktion gefährden. Sie helfen, wenn die Interaktion aus dem Gleichgewicht geraten ist, diese wieder in einen Zustand von Stabilität und Harmonie zurückzuführen. Dabei haben sie die Aufgabe, die Herrengeister zu versöhnen und die Umtriebe der Schadensgeister zu bekämpfen. Sie leiten Versöhnungs-, Bitt- und Dankesrituale, und sie weisen als Ratgeber und Mahnende den Menschen Wege zu achtsamer Interaktion mit den nichtmenschlichen Subjekten.

 

10.Auf diese Weise stehen menschliche und nichtmenschliche Subjekte über alle Gegebenheiten der tyvanischen Welt miteinander in Verbindung und sind voneinander abhängig.

 

Plurale Weltinterpretationen bei den Tyva in Südsibieren

 

Aus dem eben dargestellten Konzept „Pluraler Weltinterpretationen“ ergibt sich die Frage, welchen Regeln der flexible Umgang mit ihnen folgt. Folgende Zusammenfassung beschäftigt sich deshalb mit dem flexiblen Einsatz beider Interpretationsmodelle und thematisiert Zusammenhänge und Regelmäßigkeiten, Gründe und Konsequenzen sowie verschiedene Strategien des Wechsels der Positionen im Kontinuum zwischen den Extremen.

 

1.Das Dominanzmodell ist das derzeit häufiger angewendete Interpretationsmodell. Es gelangt als Leitlinie für die Deutung eines Ereignisses und die Reaktion darauf meist zuerst zur Anwendung.

 

2.Spontane Wechsel der Interpretationsmodelle geschehen entsprechend häufig von einer ersten Deutung und Problembehandlung nach dem Dominanzmodell zu einem zeitlich verzögerten Einbezug des Interaktionsmodells.

 

3.Häufig findet eine Ergänzung statt, d.h. eine Verschiebung der Tendenz von einem mehr zum anderen.

 

4.Seltener kommt es zu einem ersten spontanen Einsatz des Interaktionsmodells und einem späteren Wechsel zum Dominanzmodell.

 

5.Spontane Wechsel vom Dominanz- zum Interaktionsmodell betreffen vor allem problematische Situationen, in denen pragmatische und rationale Lösungsversuche scheitern.

 

6.Der Wechsel zum Interaktionsmodell folgt häufig auf eine nachträgliche Reflexion der Ereignisse.

 

7.Nach einem Wechsel zum Interaktionsmodell werden als Ursachen negativer Situationen Zuwiderhandlungen gegen die Regeln achtsamer Interaktion zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Subjekten identifiziert.

 

8.Typische Beispiele für solche nachträglichen Reflexionen aus der Perspektive des Interaktionsmodells sind die sogenannten „Wahren Begebenheiten“ (Tyvanisch bolgan tavarylgalar, Ereignis- und Erlebnisberichte bzw. zeitgenössische Sagen). Sie beziehen sich häufig auf Normbrüche durch den Menschen und auf nachfolgende Bestrafungen durch nichtmenschliche Subjekte, wie zum Beispiel Geister.

 

9.Typische Folgehandlungen nach einem spontanen Wechsel vom Dominanz- zum Interaktionsmodell sind Versöhnungsrituale.

 

10.Diesen folgen wiederum langfristige Verhaltensänderungen, die mit dem Versprechen einhergehen, achtsamer die Vorgaben des Interaktionsmodells einzuhalten.

 

11.Vor allem Unglücksfälle und Schicksalsschläge, die häufig zum Wechsel des Interpretationsmodells hin zum Interaktionsmodell führen, halten die Interpretationsmöglichkeit nach dem Interaktionsmodell wach.

 

12.Neben der Situation können weitere Umstände zu einem Wechsel vom Dominanz- zum Interaktionsmodell führen: das Aufsuchen bestimmter Orte (z.B. heilige- oder Ritualplätze), das Eintreten bestimmter Zeiten (z.B. für Rituale reservierte Termine) und die Begegnung mit bestimmten Menschen (z.B. religiöse Spezialisten).

 

13.Zeitnahe Interpretationen von Ereignissen nach dem Interaktionsmodell, ohne dass ein Wechsel vom Dominanz- zum Interaktionsmodell nötig wird, lassen sich vor allem in Zeitphasen nach Ritualen nachweisen. Rituale halten noch nach ihrer Ausführung eine Zeitlang das Interaktionsmodell in den beteiligten Menschen wach.

 

14.Wechsel zwischen den Interpretationsmodellen können spontan oder strategisch erfolgen. Strategische Wechsel kommen in beide Richtungen häufig dann vor, wenn eine Person oder eine Personengruppe mit den Ergebnissen der Anwendung eines Interpretationsmodells nicht zufrieden ist. Typisch war der strategische Gebrauch des Dominanzmodells zu Sowjetzeiten, um die eigene Religiosität zu verbergen.

 

15.Der bewusste strategische Wechsel kann besonders häufig und gut bei Schamanen beobachtet werden. Schamanen müssen in heutiger Zeit verschiedene Strategien ihres Geschäfts beherrschen, die ihre Werkzeuge dem Dominanzmodell entlehnen. Dazu gehören Netzwerkarbeit, Werbung, Buchhaltung, Aufbau und Organisation der Schamanenambulanzen, Anfertigung von und Handel mit Devotionalien.

 

16.In den zahlreichen Selbstdarstellungen der tyvanischen Interviewpartner besteht eine Tendenz zu Erklärungen über richtiges oder falsches Verhalten und Handeln. Eine solche Unterscheidung ging häufig damit einher, beide Interpretationsmodelle einander als richtig oder falsch gegenüberzustellen und so eine Unvereinbarkeit beider Modelle zu postulieren.

 

17.Dabei kann die narrativ idealisierte Reinform eines Modells erreicht werden. Die Deutung einer Situation oder eines Ereignisses nähert sich dem Extrem dieses Modells an.

 

18.Neben der strukturellen Stabilität beider Interpretationsmodelle fällt in Tyva die für unsere Zeit charakteristische, beschleunigte Veränderbarkeit der Inhalte des Dominanz-, aber auch des Interaktionsmodells auf.

19.Veränderlich ist auch die Häufigkeit der Anwendung beider Interpretationsmodelle. Das Dominanzmodell wird heute häufiger angewendet, das Interaktionsmodell seltener und auf bestimmte Umstände konzentriert.