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Bei dem wiedergegebenen Text handelt es sich um ein Kapitel der Einleitung aus der Monographie:

 

Anett C. Oelschlägel 2013: Plurale Weltinterpretationen. Das Beispiel der Tyva Südsibiriens. Fürstenberg/Havel: SEC Publications/Kulturstiftung Sibirien gGmbH.

 

peer-reviewed, 307 Textseiten, Zusammenfassungen in Englisch und Russisch (jeweils 13 Seiten), drei Karten sowie 104 Farbfotografien

 

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Die Tyva, ein Turkvolk in Südsibirien

 

Die Tyva sind ein Turkvolk, das sprachlich , wirtschaftlich und kulturell in verschiedene Gruppen zu gliedern ist und deren Siedlungsgebiete drei Staaten zugeordnet werden müssen. Sowohl turksprachige als auch mongolisierte Tyva leben heute in folgenden Territorien: in der Russischen Föderation (in Südsibirien, zwischen Altaigebirge im Westen und Baikalsee im Osten), im Norden und Nordwesten der Mongolei und im Altaigebiet der Volksrepublik China . In ihrer zeitgenössischen wie auch historischen Kultur vereinen sie in sich charakteristische Merkmale der Viehzüchter des nördlichen Zentralasiens (Mongolei, Kasachstan und Kirgisien) sowie Südsibiriens (besonders Altairegion und Burjatien) auf der einen Seite und der Rentierhalter Sibiriens auf der anderen Seite.

Die Angehörigen dieser ethnischen Gruppe sind in der deutschen Literatur als Tuwiner bekannt, bezeichnen sich selbst jedoch als Tyva kiži (in Südsibirien) oder Dïva giži (im mongolischen und chinesischen Altai). Ich selbst habe mich für den Gebrauch ihrer Eigenbezeichnung entschieden.

 

Der Niederschrift dieser Arbeit gingen ca. 18 Monate Feldforschung in den Jahren 1995, 1997, 2004 und 2005 in der russländischen und südsibirischen Republik Tyva (168.600 km²) voraus, in der sich der weitaus größte Teil der Tyva konzentriert (2010 insgesamt 307.930 Einwohner ). Hier stellen die Tyva mit ca. 81,0 % (2010: 249.299 Personen) die größte nichtrussische Bevölkerungsgruppe. Neben ihnen leben in der Republik Tyva 16,1 % Russen (49.434 Personen) und 3,0 % Angehörige anderer Ethnien (9.197 Personen). Die nicht tyvanischen Bevölkerungsteile konzentrieren sich zusammen mit weniger als der Hälfte der Tyva (2002: 107.850) auf die Hauptstadt Kyzyl und die wenigen weiteren Städte. Über die Hälfte der Tyva (2002: 135.592) bildet die Landbevölkerung der Republik .

 

Im wirtschaftlichen Sinne verstehen sich die Tyva selbst als Viehzüchter und Nomaden. Dabei muss jedoch beachtet werden, dass sich die nomadische Tierhaltung in der Republik Tyva in zwei wirtschaftlich-kulturelle Typen gliedern lässt: zum einen die Viehzüchter der Gebirgssteppen und -taiga und zum anderen die Jäger und Rentierhalter der Taigazone (s. TAUBE, E. 1981b).

 

Zu ersteren gehört die Mehrheit der südsibirischen Tyva , ausgenommen derjenigen, die in Tožu (Gebiet im Nordosten der Republik Tyva) leben. Die wirtschaftliche Grundlage dieser Gruppen bildet die nomadische oder halbnomadische Viehzucht. An Herdenvieh besitzen sie die für die Mongolei und Südsibirien typischen fünf Herdentierarten Yak, Pferd, Kamel, Schaf (Fettsteißschaf) und Ziege, wobei je nach den geographischen Bedingungen die Zusammensetzung der Herden variiert. Heute werden die Herden häufig durch das Rind ergänzt. Selten finden sich in den Nomadenhaushalten auch Schweine und Federvieh. Aus der Milch der Herdentiere stellen die Tyva eine breite Palette an Produkten her, welche vor allem im Sommer als Hauptnahrungsmittel dienen (s. OELSCHLÄGEL 2000). Lässt die Milchproduktion in den anderen Jahreszeiten nach, rückt mehr und mehr das Fleisch in den Vordergrund der Ernährung. Außerdem bieten gesammelte Wildzwiebeln, Wurzeln, Baum- und Strauchfrüchte eine willkommene Abwechslung auf dem Speiseplan. Die Jagd spielt zur Fleischversorgung eine zweitrangige Rolle (s. TAUBE, E. 1981a und 1977a: 65ff, sowie VAJNŠTEJN 1972).

 

Zu den Jägern und Rentiernomaden der Taigazone zählen die im Nordosten der Republik Tyva, im Einzugsgebiet des Bij-Chem, in Tožu und teilweise im Einzugsgebiet des Kaa-Chem lebenden Tyva, welche auch Tožu Tyva genannt werden (s. VAJNŠTEJN 1961) . Die Tožu-Tyva haben sich heute rechtlich selbstständig gemacht. Sie bilden eine eigenständige Ethnie und gehören zu den „numerisch kleinen indigenen Völkern des Nordens, Sibiriens und des Fernen Ostens“ (s. DONAHOE 2002 bis 2009 ).

Für die Jäger und Rentiernomaden der Taigazone hat die Jagd mehr Bedeutung als für die Viehzüchter der Steppengebiete. Die wichtigsten Fleischlieferanten vor allem in den Wintermonaten sind Cerviden, wie Wildren, Maral und Reh. Fisch ergänzt gelegentlich den Speiseplan. Ebenso wichtig ist die Pelztierjagd. Man jagt Eichhörnchen, Zobel, Nerz, Silberfüchse und Wölfe. Beliebte Waren für den Handel mit China sind außerdem Geweihe, welche in ihrem Wert steigen, wenn sie fast ausgewachsen aber noch nicht gefegt sind, sowie das Moschus-Tier (s. OTTINGER 1993: 92ff). Edelpelze sind eine wichtige Einkommensquelle der Rentiernomaden, die ansonsten kaum Möglichkeiten haben, Produkte in den Handel zu bringen oder auf andere Art Geld zu verdienen. Daher ist ihr Verkauf die nahezu einzige Möglichkeit, in den Besitz von im Handel erhältlichen Produkten, Nahrungsmitteln, Wirtschaftsgeräte, Kleidung, Gebrauchsartikeln bzw. Gütern des täglichen Bedarfs zu gelangen.

 

Die großen Unterschiede in Wirtschaftsweise und Lebensform der Tyva beruhen auf einer geographisch und klimatisch bedingten Zweiteilung der von ihnen besiedelten Gebiete. Der von Lärchen- und Zirbelkiefer-Gebirgswäldern geprägte Ostteil steht im starken Gegensatz zu dem von Steppen beherrschten kleineren Westteil. Das paläoarktische Rentier tritt vor allem im Nordosten der Republik auf. In unmittelbarer Nachbarschaft, in Zentral-, Nord- und Süd-Tyva halten Hirtennomaden das zweihöckrige Kamel und im äußersten Südwesten dominiert das Yak die Herden (s. LEIMBACH 1936: 65).

 

Die Geschichte der südsibirischen Republik Tyva ist charakterisiert durch ein hohes Maß an Selbstständigkeit. Vor ihrer Angliederung an die Sowjetunion im Jahre 1944 bestand sie als unabhängige Volksrepublik Tannu-Tuva. 1944 trat die Republik „freiwillig“ der Sowjetunion bei, zunächst als Tuvinisches Autonomes Gebiet, ab 1961 als Republik Tuva und ab 1993 als Republik Tyva. Obwohl die Republik bereits vor 1944 einen sozialistischen Weg einschlug, wurde erst ab ihrer Eingliederung in die Sowjetunion unter der Bevölkerung eine grundlegende sozialistische Umstrukturierung durchgesetzt. Unter dem Begriff „Sowjetisierung“ in Tyva sollten folgende wirtschaftliche Veränderungen zusammengefasst werden: (1) der Aufbau einer staatlich gesteuerten und kontrollierten Planwirtschaft; (1.1) die damit verbundene Kollektivierung der Viehwirtschaft, wobei die Viehhirten auch weiterhin in nomadischer und halbnomadischer Lebensweise die Herden der Kollektiven betreuten; (1.2) der Aufbau eines staatlich gesteuerten und kontrollierten Handels mit den Produkten der Viehzucht; (1.3) der Abbau von Bodenschätzen unter staatlicher Regie; (1.4) in geringem Maße der Aufbau einer bodenbearbeitenden Landwirtschaft besonders im Süden der Republik; (1.5) erste Anfänge einer Industrialisierung der Republik besonders in der Hauptstadt Kyzyl sowie (1.6) als besonderes Prestigeobjekt des Sozialismus: die Elektrifizierung der Städte und Dörfer sowie teilweise der Kolchoszentren.

 

Neben den wirtschaftlichen Umstrukturierungen prägten einige weitere Veränderungen das Leben der Tyva spätestens ab 1944. In politischer Hinsicht sind dies: (2) die Durchsetzung eines politischen Bewusstseins für den „sozialistischen Fortschritt“ auf dem Weg politischer Bildung; (3) die damit verbundene Verfolgung, Inhaftierung und teilweise Ermordung religiös aktiver Menschen, wie zum Beispiel Schamanen oder buddhistischer Lamas; (4) die „Entkulakisierung“ oder Verfolgung, Inhaftierung und teilweise Ermordung wohlhabender Viehzüchter sowie (5) die Repressionen gegen anders Denkende und politisch anders Gesinnte.

 

Seit 1944 gab es jedoch auch einige positive Entwicklungen, die die Tyva bis heute als Errungenschaften des Sozialismus begreifen: (6) die Einführung eines Sozial- und Rentensystems; (7) der Aufbau einer flächendeckenden medizinischen Versorgung; (8) die Alphabetisierung der Bevölkerung ; (9) der Aufbau eines mehrgliedrigen Bildungssystems in russischer und tyvanischer Sprache von der Grundschule bis zur Berufsausbildung oder dem Studium; (10) Schulpflicht und Bildungschancen auch für Bewohner strukturschwacher Regionen.

 

Im Zuge von „Perestrojka“ und „Glasnost“ unter Michail Gorbatschow (ab 1986), der Auflösung der UdSSR unter Boris Jelzin (am 31. Dezember 1991) und der Gründung der Russischen Föderation (1992), führten schließlich die Umstrukturierungen von Gesellschaft und Wirtschaft auf Basis der vorangegangenen Diktatur und Misswirtschaft in die sogenannte Russlandkrise. Auch die Republik Tyva wurde von den Entwicklungen besonders in den 1990er Jahren hart getroffen. Wie in ganz Russland wurde die Wirtschaft teilweise privatisiert und demokratische Reformen eingeleitet. Anstatt einer positiven Wende kam es jedoch zu einem völligen Zusammenbruch der Wirtschaft, wovon sich die Republik Tyva bis heute nicht erholt hat.

 

Die Republik Tyva war schon immer ein wirtschaftlich sehr armes Land. Es fehlt fast völlig an Industrie. Gleichzeitig liegen die Rechte für die Land- und Ressourcennutzung nach russischem Gesetz bis heute in staatlicher Hand. Gewinne aus dem Abbau von Bodenschätzen wie Asbest im Westen und Gold im Nordosten der Republik und der Holzindustrie fließen direkt nach Zentralrussland ab. Auf diese Weise wird die starke finanzielle Abhängigkeit der Republik von Moskau konserviert. Tyva hängt bis heute am Tropf der wenigen Gelder, die Moskau in die südsibirische Republik gelangen lässt.

 

In den 1990er Jahren führten die hohe Inflation und der zeitweise Stopp des Geldflusses aus Moskau, eine einsetzende extrem hohe Arbeitslosigkeit und sehr niedrige Gehälter, die über Monate nicht ausgezahlt wurden, zur Verarmung der Bevölkerung. Gleichzeitig bildete sich eine dünne Oberschicht heraus, die überdurchschnittlichen Wohlstand anhäuft und deren Mitglieder in Russland als „Novye Russkie“ bezeichnet werden. Nicht zuletzt aufgrund der nun einsetzenden chronischen finanziellen Unterversorgung der Republik durch Moskau wurden fast alle Bereiche der sozialen Absicherung bis zur völligen Auflösung zusammengestrichen. Viele Tyva empfinden ihr Leben heute als wesentlich härter als noch vor 1986. Sie sehnen sich zurück nach regelmäßigen Einkommen und sozialer Sicherheit, einer funktionierenden, kostenlosen medizinischen Versorgung und gerechten Bildungschancen. Gleichzeitig verurteilen viele Tyva bis heute alle Formen der zu sozialistischen Zeiten alltäglichen Repressionen und der Verfolgung anders denkender Menschen. Die Meinungen darüber, welchen Weg die Entwicklungen der letzten 25 Jahre genommen haben und wie sie zu bewerten sind, sind durchaus vielseitig. Aber in einigen Punkten sind sich alle einig: der Kampf ums tägliche Überleben ist wesentlich härter geworden. Das Anlegen von Ersparnissen oder eine langfristige finanzielle Absicherung der eigenen Familie ist nahezu unmöglich. Die Menschen leben in der Stadt wie auf dem Land von der Hand in den Mund. Es gibt Zeiten in ihrem Leben, in denen sie sich das Notwendigste nicht leisten können und auf Nahrungsmittel angewiesen sind, die ihnen Verwandte oder Bekannte überlassen. Viele über die tägliche Ernährung hinausgehenden Wünsche bleiben unrealistische Träume. Die Zukunft ist stets ungewiss und auch die Antwort auf die Frage, wie man seine Kinder im nächsten Jahr ernähren wird. Die staatlich verordneten sozialen Netze sind schon lange wieder durch Familienbande und Klanzusammenhänge abgelöst. Innerhalb der eigenen Verwandtschaft unterstützt man sich gegenseitig, ist füreinander da und besorgt sich auch die ein oder andere Einkommensmöglichkeit. Der allgemeine Zustand der tyvanischen Gesellschaft ist erschreckend. Alkoholismus und Kriminalität sind Massenphänomene geworden.

 

Es ist vermutlich ein glücklicher Umstand, dass die Kollektivierung der Viehzucht nach 1991 nicht vollständig rückgängig gemacht wurde. Seit der Abschaffung staatlicher Kolchose, organisieren sich heute die meisten tyvanischen Viehzüchter freiwillig in Kooperativen, die als Nachfolgeorganisationen der staatlichen Betriebe zu verstehen sind. Sie sind Zusammenschlüsse von zu großen Teilen privat wirtschaftenden Viehzüchtern. Das bedeutet, die Viehzüchter betreuen heute – neben dem kooperativeigenen Vieh – hauptsächlich ihre eigenen Herden, teilen sich aber mit anderen Mitgliedern der Kooperative in die Weidegründe, organisieren gemeinsam den Handel mit ihren Produkten und finanzieren gemeinsam das Kooperativzentrum als Basis und Anlaufstelle für alle Viehzüchter der Kooperative. Die zeitgenössischen Kooperativen haben als abgespeckte Versionen zwar viele Vorteile ihrer Vorgängerinstitutionen eingebüßt, dennoch gibt es gute Gründe, sich zusammenzuschließen. Dazu gehören fest gebaute Kooperativzentren (baza), in denen die Hirtennomaden Einkaufsmöglichkeiten, medizinische Versorgung (medpunkt), eine Pension, eine Sauna (banja) und häufig auch eine Grundschule zur Verfügung haben. Darüber hinaus gewährt die Organisation in Kooperativen Möglichkeiten effektiveren Handels mit Produkten der Viehzucht, eine gerechte, zirkulierende Verteilung der Weiden und gegenseitige kollegiale Unterstützung. Als negativ wird der Wegfall regelmäßiger Gehälter und der Möglichkeit einer Renten- und Sozialversicherung empfunden, was spürbare finanzielle Unsicherheiten zur Folge hat. Sehr ungünstig wirkt sich die unzureichende staatliche Regulierung und Unterstützung des Handels mit Produkten der tyvanischen Viehzucht aus. Die in Tyva produzierten Fleisch- und Milchprodukte gelangen nur spärlich oder gar nicht in die Läden der Dörfer und Städte. Im Einzelhandel werden Nahrungsmittel wie Schweine- und Rindfleisch, Milch und Käse aus anderen Regionen Sibiriens, vor allem aus dem Krasnojarsker Krai verkauft. Die Viehzüchter finden in Tyva keinen Absatzmarkt, der ihnen die so dringend notwendigen regelmäßigen finanziellen Einkünfte gewährleisten könnte. Hier liegt eines der grundlegenden Probleme der tyvanischen Wirtschaft und der Armut der als Hirtennomaden lebenden Bevölkerung.

Die finanziellen Einkünfte aus der Viehzucht sind unregelmäßig und sehr niedrig. Das Kapital der Viehzüchter besteht ausschließlich in den Tieren, die sie in ihren Herden betreuen, die sie aber kaum gewinnbringend verkaufen können. Gleichzeitig ist das lebende Kapital der Nomaden permanent durch ungünstige Witterungsbedingungen oder Seuchen gefährdet. So schützt die Viehzucht zwar vor Hunger, sichert aber nicht alle weiteren notwendigen Ausgaben. Finanzielle Einkünfte, die für die Anschaffung von Kleidung, Schulmaterial, zusätzlichen Nahrungsmitteln, Gebrauchsgegenständen und Verbrauchsmaterialien benötigt werden, bieten hauptsächlich die völlig unzureichenden Renten der Großelterngeneration, die für Arbeitstätigkeit zu Sowjetzeiten vergütet werden. Die heute Arbeitenden haben wiederum kaum Gelegenheit, in eine Rentenversicherung einzuzahlen und für ihr Alter vorzusorgen. Unversichert bleiben gerade die Viehzüchter, die das wirtschaftliche Rückgrat der Republik bilden. Die Generation der Rentenempfänger aber stirbt aus. So wird über kurz oder lang auch dieser minimale Geldzufluss in den Nomadenfamilien ausbleiben, die sich dann nahezu auf Subsistenzwirtschaft zurückgeworfen sehen, ein Zustand, der selbst den Schulbesuch und die dazu notwendige Ausstattung der Kinder schwierig macht.

 

Diesen finanziellen Notstand versuchen viele Hirtennomaden über die engen Bande in ihren Großfamilien ein wenig auszugleichen. Die Viehzüchter versorgen die Verwandtschaft in den Dörfern und Städten mit ihren Produkten. Da Fleisch und Milchprodukte in tyvanischen Läden teuer sind, ist diese Form der Unterstützung willkommen. Dafür erhalten sie selbst gezogenes Gemüse, besonders Kartoffeln, Kohl und Möhren, von ihren Verwandten in den Dörfern und finanzielle Zuwendungen von ihren Verwandten in der Stadt. Neben Produkten werden auch Arbeitskräfte innerhalb der Verwandtschaft ausgetauscht. Das Verwandtschaftsnetz, geschickt positioniert, ist heute unentbehrlich für die Absicherung der Existenz aller Familienmitglieder, die aufeinander angewiesen und für einander da sind. Diese Transferleistungen können jedoch nicht über das auffällige soziale Gefälle zwischen wohlständigeren arbeitenden Stadtbewohnern und finanzschwachen Hirtennomaden in Steppe und Taiga hinwegtäuschen. Allein die hohe Arbeitslosigkeit und die geringe Aussicht auf einen Arbeitsplatz in der Stadt veranlasst bereits sesshafte Tyva, in Taiga und Steppe zurückzukehren und sich dort über Viehzucht mit ausreichend Lebensmitteln selbst zu versorgen.

 

Eine weitere Auffälligkeit der tyvanischen Gegenwart sind die Unterschiede in den Lebensentwürfen der männlichen und weiblichen Bevölkerung der Republik. Auf der einen Seite sind die Möglichkeiten einer anspruchsvollen Berufsausbildung in der Russischen Föderation derzeit noch als gut zu bewerten. Viele Tyva schicken ihre Kinder zur Berufsausbildung in andere Regionen Sibiriens (besonders Krasnojarsk, Novosibirsk oder Omsk) oder in den europäischen Teil Russlands (Moskau oder St. Petersburg). Dabei wird Bildung vor allem von Frauen angenommen. Gleichzeitig herrscht in den Städten Tyvas hohe Arbeitslosigkeit. Der völlig unzureichende Arbeitsmarkt ist bestimmt durch staatliche Behörden als Arbeitgeber. Während Frauen noch verhältnismäßig häufig einen Arbeitsplatz in der Intelligenz finden – sie stellen vorwiegend Ärztinnen, Lehrerinnen, Erzieherinnen, Wissenschaftlerinnen, Journalistinnen und Verwaltungsbeamtinnen – bleiben die schlechter ausgebildeten Männer bei der Arbeitssuche weit hinter ihnen zurück. Ein Großteil der männlichen Stadtbevölkerung arbeitet bei Polizei und Militär und ein geringer, sozial hochstehender Anteil in der Verwaltung bis hin zur Regierung.

Auf dem Land findet ein geringer Anteil der tyvanischen Männer Arbeit in der Rohstoffindustrie. Jedoch werden hier bevorzugt Angehörige anderer Ethnien, vor allem Russen, eingestellt. Gering entlohnte Arbeit schaffen auch Ressourcen wie Holz und Edelpelze. Ergänzt wird dieser eng begrenzte Arbeitsmarkt durch ein wenig Handwerk und durch einen blühenden privaten Handel.

 

Die hohe Arbeitslosenquote zieht viele Probleme nach sich, deren Opfer wiederum hauptsächlich in der männlichen Bevölkerung zu finden sind. Dazu gehört das schockierende Ausmaß von Suiziden, Alkoholismus und Kriminalität. Erschütternd ist, dass fast jede Familie, mit der ich in Tyva Bekanntschaft geschlossen habe, unter ihren männlichen Mitgliedern Opfer durch Alkoholmissbrauch, durch Mord oder Totschlag (häufig Messerstechereien in Trunkenheit) oder durch Unfälle zu beklagen hat. Die Lebenserwartung in Tyva gehört mit 54 Jahren zu den niedrigsten in Russland, wobei die Lebenserwartung der Männer (1994 unter 50 Jahre) noch weit unter der der Frauen liegt. Es fehlen spürbar Männer in der erwachsenen Bevölkerung, so dass viele Familien von alleinerziehenden Frauen versorgt werden.

Das hohe Maß an Selbstständigkeit der tyvanischen Frauen hat seine Wurzeln in der Geschichte. Tyvanische Familien waren bereits vor dem Anschluss der Republik an die Sowjetunion von Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern bis hin zu einer Dominanz der Familien durch ihre weiblichen Mitglieder geprägt. So sind es auch bis heute die Frauen, die ihre Familien hauptsächlich ernähren und strategische Schritte zu ihrer Lebenssicherung planen und umsetzen.

 

Bezüglich der eben geschilderten dramatischen Lebensumstände vieler Tyva, stellt sich mir die Frage: Wie halten die Menschen diesen stand? Für die Beantwortung dieser Frage spielt ein Faktor eine wesentliche Rolle, den ich als „soziale Wärme“ bezeichnen möchte und der typisch für den sibirischen und zentralasiatischen Raum ist. Es handelt sich um soziale und verwandtschaftliche Netzwerke sowie gegenseitige Unterstützung, die nicht staatlich verordnet, sondern den Menschen ein lebensnotwendiges Bedürfnis sind und deshalb von den meisten Tyva auf beeindruckende Weise gelebt werden. Eine wichtige Rolle spielen dabei verwandtschaftliche und nachbarliche Hilfeleistungen. Ob man in Steppe und Taiga Gastfreundschaft übt, sich gegenseitig mit Geld oder Lebensmitteln aushilft, einander tatkräftig in der Wirtschaft oder bei der Kinderbetreuung unterstützt oder – als fragwürdige Äußerung – gemeinsam Nächte und Tage durchzecht, der verwandtschaftliche und soziale Kontext einer Familie ist in Tyva unbedingt verpflichtend und gleichzeitig als existenzsichernd zu bewerten. Gerade in der Zeit der Russlandkrise, deren Auswirkungen ich während meiner Feldaufenthalte 1995 und 1997 miterlebte, wurden die verwandtschaftlichen und sozialen Netzwerke zur Überlebensnotwenigkeit. In einer Zeit, in der über Monate keine Gehälter ausgezahlt wurden und die finanziellen Reserven der Familien aufgebraucht waren, herrschte in den Städten und Dörfern Tyvas bittere Armut und Hunger. In dieser Zeit ernährten die Nomaden ohne jede Gegenleistung ihre Verwandten und Bekannten in den Städten und Dörfern mit. Nach der Jahrtausendwende, in der Zeit meiner Forschungsaufenthalte 2004-2005, hatten sich die Abhängigkeiten ins Gegenteil verkehrt. Während diejenigen in Wohlstand lebten, die Arbeit in den Städten und Dörfern der Republik gefunden hatten, litten die Hirtennomaden an Viehseuchen und extrem kalten Wintermonaten und waren existentiell auf die finanzielle Unterstützung ihrer Verwandten und Bekannten besonders in den Städten angewiesen. Intensive Netzwerkarbeit und die geschickte Positionierung der eigenen Verwandtschaft in den drei oben genannten Lebensräumen waren in den letzten zwanzig, krisengeschüttelten Jahren für alle Tyva unentbehrlich, nicht nur um Wohlstand zu erreichen, sondern vielmehr um die grundlegendsten Bedürfnisse zu stillen und sich selbst sowie die eigene Familie zu ernähren.

 

In den letzten zwei Jahrzehnten waren jedoch auch positive Entwicklungen zu beobachten. Besonders die südsibirischen Tyva sind infolge eines überwältigenden Interesses an ihrer traditionellen Kultur durch westliche Medien bekannt geworden. Im Zentrum zahlreicher, häufig romantisierender Berichte stehen der bis heute gelebte Hirtennomadismus, das alltägliche Leben in den Jurten, der lebendige (Neo-)Schamanismus sowie der Oberton- und Kehlgesang. Alle drei Merkmale sind keine absterbenden Relikte, sondern Elemente der gegenwärtig gelebten tyvanischen Kultur. Mit der zunehmenden internationalen Bekanntheit der Tyva kommt es zu einem regen Austausch zwischen Menschen aus der Republik und dem Rest der Welt. Damit verbunden sind Anreize zur touristischen Entwicklung der Region und die Stärkung des kulturellen Selbstbewusstseins vieler Tyva, die sich mit Stolz zu ihrer Kultur bekennen und sie im öffentlichen wie im privaten Raum fördern und pflegen.

 

Vor allem im deutschsprachigen Raum, aber auch in den USA und Kanada ist heute der tyvanische Schamanismus in breiten Bevölkerungskreisen bekannt. Nicht nur Ausstellungen in Museen und Berichte in Zeitungen, Zeitschriften und im Fernsehen bieten regelmäßig Informationen und Hintergründe zum Thema Schamanismus in der kleinen südsibirischen Republik. Während der letzten beiden Jahrzehnte hat sich zudem eine esoterische Szene entwickelt, die eine Art „modernen“ Schamanismus oder Neoschamanismus, vor allem nach Vorbild des tyvanischen Schamanismus, pflegt und auch praktiziert (s. GRÜNWEDEL 2008, 2010, 2012 und VOSS 2011). Regelmäßig treffen sich westliche Schamanen und schamanismusinteressierte Laien mit tyvanischen Schamanen zu Konferenzen in Europa, Amerika und Tyva. Tyvanische Schamanen reisen häufig nach Europa und Amerika und westliche Schamanismusfreunde besuchen die Republik Tyva mit dem Ziel, Erfahrungen und Wissen auszutauschen und gemeinsam Rituale und Séancen durchzuführen. So sind heute starke Einflüsse der westlichen Schamanismusszene durch den tyvanischen Schamanismus zu beobachten, genauso wie der gegenwärtige tyvanische Schamanismus Einflüsse westlicher Esoterik aufweist.

Die Schamanen der Republik Tyva haben sich auf moderne Weise in mehreren Schamanenvereinigungen zusammengeschlossen. Sie praktizieren für Einheimische und Fremde in speziellen Häusern vor allem in der Stadt und gegen hohe Honorare. Nicht nur aus diesem Grund werden zunehmend kritische Stimmen aus der Bevölkerung laut, die die zunehmende Kommerzialisierung des Schamanismus anprangern und vor einer Entwicklung zum Show-Schamanismus warnen. Nach Meinung einiger Laien verlieren die Schamanen auf diese Weise stark an Glaubwürdigkeit. Diskussionen über „echten“ und „falschen“ Schamanismus bestimmen den Diskurs der religiösen Laien über die Fähigkeiten und den Wert der zeitgenössischen Schamanen. Diesem Thema schließen sich die hier versammelten zeitgenössischen Sagen über historische Schamanen an, die allesamt aus der Motivation heraus erzählt wurden, der Herausgeberin ein Beispiel und ein Bild von „echten“ Schamanen zu geben, wie sie einst unter den Tyva lebten und wirkten.

 

Ähnliche Entwicklungen interkulturellen Austauschs und zunehmender weltweiter Bekanntheit tyvanischer Kultur lassen sich am Beispiel der Ethno-Musik-Szene beobachten. Der Oberton- und Kehlgesang (chöömej), für den die Tyva inzwischen weltweit bekannt sind, findet seine größte Verbreitung und die meisten seiner Vertreter in der Republik Tyva (s. LEVIN und SÜZÜKEI 2006). Inzwischen gibt es zahlreiche tyvanische Bands, die durch Europa und Amerika touren. Tyvanische Musik ist von westlichen Ethno-Musik- und Folklore-Festivals heute nicht mehr wegzudenken, und immer mehr Europäer, Amerikaner und auch Japaner reisen nach Tyva, um diese besondere Kunst des Gesanges zu erlernen.

 

Die Begeisterung für einige Elemente der tyvanischen Kultur in der westlichen Welt und das mit ihr aufblühende kulturelle Selbstbewusstsein vieler Tyva überblenden die oben genannten Probleme. Doch sind sie ein positiver Anreiz und ein erster Start in eine bessere Zukunft. Die Besonderheiten und die zunehmende Popularität der tyvanischen Kultur fördern seit der Jahrtausendwende wiederum die Entstehung eines „sanften“ Tourismus in der Region. Die zunehmende touristische Erschließung der Republik eröffnet einen neuen und lohnenswerten Arbeitsmarkt für die einheimische Bevölkerung.

 

An der tyvanischen Kultur ist auch die Wissenschaft interessiert. Die Republik Tyva selbst fördert und finanziert zwei geisteswissenschaftliche Forschungszentren. Zum einen handelt es sich um ein Institut zur Erforschung von Sprache, Literatur und Geschichte (heute: Tyvanisches Institut für geisteswissenschaftliche Forschungen), in dem sich zumeist einheimische Mitarbeiter mit Archäologie, Geographie, Geschichte, Sprache, Literatur und Kultur in der Republik Tyva befassen. Außerdem gibt es das Zentrum für Chöömej-Forschung. Eine Universität und ein archäologisches, historisches und ethnographisches Museum runden die Wissenschaftslandschaft der kleinen Republik ab. Zunehmend wird Tyva auch von westlichen Geisteswissenschaftlern im Rahmen von Forschungsreisen aufgesucht. In und außerhalb von Tyva sind in den letzten zwei Jahrzehnten zahlreiche Publikationen zur Geschichte, Sprache, Literatur und Kultur der Tyva entstanden.